Vom Wert der Geduld

Als Thomas Edison sein erstes Patent verkaufte, war er sich unsicher, ob es überhaupt nützlich wäre. Daher schlug er sofort ein, als ihm 100 Dollar dafür geboten wurden. Auf einem Empfang soll ihm die Frau des Käufers später folgendes gesagt haben: „Geduld, junger Mann, ist eine Tugend. Hätten Sie mehr davon gehabt, hätten Sie 1000 Dollar dafür bekommen können.“ Edisons Antwort fiel sehr ähnlich aus: „Geduld ist in der Tat eine Tugend. Hätte Ihr Mann mehr davon gehabt, hätte er es für 10 bekommen können.“

In der Politik gilt oft ähnliches: Im kleinen Maßstab wird derjenige belohnt, der als letzter noch nüchtern ist, wenn im Hinterzimmer Personalentscheidungen abgekaspert werden, im großen Maßstab für die Bewegung, die ihre Gegner derart ermüdet, dass die Verlockung, einfach aufzugeben, zu groß wird.

Die Piraten sind angetreten, eine andere, bessere Politik zu machen. Wir wollen anders sein als die etablierten Parteien, als die ewig austauschbaren Politikdarsteller. Dabei müssen wir aber eine Realität anerkennen: So beliebig die Werte vieler Politiker, so verachtenswert viele Entscheidungsprozesse und so schlecht gemacht viele Gesetze, habe wir es trotzdem mit Profis zu tun, die ihr Handwerk verdammt gut verstehen. Nur besteht dieses Handwerk eben nicht darin, Lösungen zum Wohle der Allgemeinheit zu finden, sondern die eigenen Interessen möglichst effektiv durchzusetzen. Ein guter Spitzenpolitiker unterscheidet sich von einem Lobbyisten nur dadurch, dass er Meinungen in eigener Sache manipuliert. Ein wichtiges Werkzeug dabei ist die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit: Wer ein Thema beharrlich in kleinen Schritten voranbringt, wird dafür wenig Aufmerksamkeit ernten. Bis eine breite Öffentlichkeit erreicht ist, sind alle wesentlichen Entscheidungen schon längst gefallen – man denke z.B. an Stuttgart 21.

Genau diese Beharrlichkeit ist aber auch der Grund, weswegen das Aussitzen nach wie vor funktioniert: Wenn einem eine Welle der Empörung entgegen schlägt, ist es ungemein wichtig, Zeit zu gewinnen. Diese Zeit erkauft man sich in der Regel durch kleine Zugeständnisse wie eine Schlichtungsrunde oder die vorübergehende Nichtanwendung eines Gesetzes. Sobald etwas Gras über die Sache gewachsen ist, ist auch die Motivation der Gegnerschaft erschlafft.

Bei den Piraten gibt es wenige gelernte Politiker. Das ist ein großer Vorteil, weil es uns glaubwürdig macht, aber es ist auch ein Nachteil, weil die wenigsten die Geduld mitbringen, die Profi-Politiker sich durch die sprichwörtliche jahrelange Ochsentour angeeignet haben. Die Effekte dieses Umstands lassen sich fast überall besichtigen, am deutlichsten womöglich im Liquid Feedback: Zu Anfang gab es einen großen Enthusiasmus, es wurden unzählige Anträge eingestellt. Nachdem diese erste Welle vorbei war, haben die meisten nur noch darauf gewartet, dass andere etwas tun und selbst kaum noch Aktivität entwickelt. Auch die Gesamtstimmung in der Partei scheint mir derzeit ziemlich niedergeschlagen zu sein, obwohl es dafür objektiv keinen Grund gibt: Die Wahlergebnisse geben keinen Anlass zur Euphorie, sind aber sehr ordentlich. Auch ohne Mandate auf Landes- oder Bundesebene üben wir schon einen beträchtlichen Einfluss aus.

Ich bin versucht, unsere Partei als depressiv zu bezeichnen: Es wechseln sich Phasen der Euphorie ab mit Phasen der Niedergeschlagenheit. Beides ist überwiegend unberechtigt. Was wir brauchen, ist ein Stück Normalität. Wir müssen den Schritt schaffen, eine professionelle Partei zu werden, ohne dabei wie die anderen Parteien zu werden. Uns von illusorischen Wahlergebnis-Zielen verabschieden, ohne den Enthusiasmus im Wahlkampf zu verlieren. An einer Diskussionskultur arbeiten, bei der Argumente mehr zählen als persönliche Befindlichkeiten und tickende Uhren. Das ist nicht einfach. Auf keinen Fall. Aber wenn ich mir anschaue, wie sich die Piraten in den anderthalb Jahren meiner Mitgliedschaft entwickelt haben, dann bin ich schon ein wenig stolz auf uns. Wir sind auf einem guten Weg; die Frage ist nur, ob wir am Ziel ankommen, bevor wir uns selbst zerfleischt haben. Dazu brauchen wir vor allem eines: Geduld.