Gelasert

Mein Weg zu gelaserten Augen begann mit einem Satz, von dem ich nie geglaubt hätte, ihn jemals von einem deutschen Krankenhaus zu hören: “Zum Quick-Check können sie zu diesen Zeiten ohne Anmeldung vorbeikommen, die Untersuchung ist für Sie kostenlos” – also machte ich mich am folgenden Tag auf den Weg in die Klinik, wo tatsächlich alles schnell und unkompliziert ablief. Zum einen wurde meine Kurzsichtigkeit gemessen, mit einem Gerät, wie man es von jedem Augenarzt kennt, zum anderen wurde die Dicke meiner Hornhaut bestimmt, das war auch ein Gerät, bei dem ich einfach einige Sekunden geradeaus gucken musste.

Im Anschluss hatte ich ein Gespräch mit dem Oberarzt, der mir erläuterte, dass meine Werte in Bereichen liegen, in denen eine Laser-OP möglich ist, wobei meine Hornhaut sogar außergewöhnlich dick war. Weil bei der OP ein Teil der Hornhaut abgetragen wird, ist die Hornhautdicke entscheidend dafür, ob eine Operation überhaupt möglich ist, weil auch nach der OP noch genug Dicke vorhanden sein muss. Mein Auge erlaubte im Prinzip alle praktizierten Verfahren, die mir der Oberarzt kurz erläuterte.  Wenn ich eine Operation angehen wollte, wäre der nächste Schritt eine große Voruntersuchung, bei der mein Auge ausführlich vermessen würde.

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Große Voruntersuchung

Also vereinbarte ich am folgenden Tag einen Termin für eine große Voruntersuchung. Limitierender Faktor für den zeitlichen Ablauf war dabei der Umstand, dass das Auge in seinem natürlichen Zustand ausgemessen werden muss und Kontaktlinsen das Auge leicht verformen. Deshalb durfte ich für zwei Wochen vor der Untersuchung keine Linsen tragen. Etwas lästig, aber ich wollte die Dinger ja ganz loswerden.

Am Tag der Untersuchung wurde ich dann über drei Stunden immer wieder an verschiedene Messinstrumente gesetzt, außerdem gab es nochmal die ganzen Sehtests, die man von einer ausführlichen Untersuchung beim Augenarzt kennt – Zahlen vorlesen, während man verschiedene Linsen vorm Auge hat, Test zum räumlichen Sehen. Zwischendurch mal eine halbe Stunde Wartezeit, während das Auge weit getropft wird, woran man dann noch den ganzen Tag Vergnügen hat, weil das Fokussieren so extrem schwer fällt.

Das interessanteste Ergebnis war, dass festgestellt wurde, dass ich (nach außen) schiele. Das war der eine Punkt, der eine gewisse Unsicherheit für das Operationsergebnis brachte, weil Schielen, soweit ich das verstanden habe, wie eine zusätzliche Kurzsichtigkeit wirkt. Jedenfalls war sich die Ärztin unsicher, inwieweit das Schielen möglicherweise von meiner viel zu alten Brille ausgelöst würde. Deshalb sollte ich nochmals wiederkommen, aber diesmal mit Kontaktlinsen. Und tatsächlich zeigte sich bei der erneuten Untersuchung, dass mein Schielen mit den Kontaktlinsen weniger ausgeprägt war.

Im Anschluss an die Untersuchung gab es dann ein weiteres Gespräch mit dem Oberarzt, der mir dann nochmals den Ablauf der Operation erklärte, wobei er die SMILE-Methode anwenden wollte. Dann wurde ich gefragt, ob ich mir die Sache nochmal überlegen wollte oder direkt einen OP-Termin vereinbaren. Ich entschied mich für letztere Variante und verabredete einen Termin 10 Tage später.

Operation

Der Tag der Operation begann etwas seltsam. Eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin bekam ich einen Anruf, ob ich schon da sei. Zu diesem Zeitpunkt stand ich vor der Klinik und wartete noch auf meinen Vater, mit dem ich mich dort treffen wollte. Also ging ich rein und wurde direkt in die Umkleide durchgewunken, wo ich einen Kittel und eine Haube übergestreift bekam. Dann wurde ich in einen Nebenraum gesetzt, wo grade ein anderer Patient den Gebrauch verschiedener Augentropfen erklärt bekam. Beim rausgehen sprach mich dann der Arzt an “Sind Sie der Herr Brückel? Sie können eigentlich direkt mitkommen” und führte mich in den Operationssaal. Ein relativ kleiner, blau gekachelter Raum, in dessen Mitte ein kreisrundes Podest steht mit einer Liegefläche darauf. Als ich darauf drapiert worden war, begrüßte mich der Oberarzt und erklärte mir, dass er sich am Morgen nochmals meine Werte angeschaut habe und sich bezüglich des Verfahrens umentschieden habe und bei mir eine Femto-LASIK für die bessere Methode hielte. Er bot mir an, da nochmal drüber nachzudenken oder auch ganz abzubrechen und einen neuen Termin zu vereinbaren. Weil bis jetzt alles sehr schnell gegangen war und ich bisher noch nicht einmal meinen Vater gesehen hatte, bat ich mir zehn Minuten Bedenkzeit aus und wurde nochmal ins Vorzimmer geführt.
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Im Vorzimmer traf ich dann meinen Vater und kurz darauf kam der Oberarzt zu uns, um nochmal zu erläutern, warum er sich umentschieden hatte. Wesentliches Argument war, dass es wegen meines Schielens passieren könne, dass das Operationsergebnis nicht die optimale Sehstärke trifft und es bei der Femto-LASIK möglich sei, das Ergebnis auf gleichem Wege nachzukorrigieren, was bei der SMILE nur deutlich komplizierter zu machen sei. Mir persönlich war das SMILE-Verfahren eigentlich seit ich davon gehört hatte das sympatischste, weil dabei am wenigsten am Auge geschnitten wird, aber andererseits fand ich es auch vertrauenerweckend, dass der operierende Arzt bereit war, seine eigenen früheren Entscheidungen in Frage zu stellen und sich nochmals individuell mit meinem Auge auseinandergesetzt hatte. So machte ich mich also wieder auf den Weg in den Operationssaal.

Auf der Liege bekam ich nun nach und nach mehrmals Augentropfen, die das Auge betäuben sollten. Nach einiger Zeit wurde dann die ganze Liege gedreht und ich lag unter dem Laser. Bläulich schimmerndes Licht und direkt über einem Auge ein weiß leuchtender Ring. Ich bekam eine Klammer auf’s Auge, die die Lider offen hielt und der Ring wurde über meinem Auge positioniert und ich bekam die Aufgabe, einen grünen Lichtpunkt zu fixieren. Dann ein “So, das war’s schon” und das Gerät wurde wieder hochgefahren. Der Laser hatte eine Klappe in meine Hornhaut geschnitten, ohne dass ich davon irgendetwas mitbekommen hatte. Anschließend wurde das Gerät über meinem anderen Auge positioniert – und musste erst einmal neu gestartet werden. “Das dauert jetzt anderthalb Minuten” Nachdem das Gerät bereit war, wiederholte sich die Erfahrung des anderen Auges. Anschließend wurde der Tisch, auf dem ich lag, wieder gedreht.

Nun wurde meine ganze Augenpartie mit Jod desinfiziert. Anschließend sollte ich das rechte Auge öffnen und nach oben schauen. Über das Auge wurde ein Papiertuch gelegt, mit einem Schlitz mit klebenden Kanten, an denen die Wimpern fixiert wurden. Nun hatte ich als ein Tuch über dem Gesicht, aus dem nur das rechte Auge ausgespart war. Jetzt kam der fiese Teil. Über dem Auge zwei Ringe weißer Lichtpunkte. “Das Licht ist garstig hell, aber sie müssen da rein gucken” Dann sehe ich einen Draht auftauschen und auf einmal sehe ich nur noch verschwommen. Der Operateur hatte die vorher geschnittene Klappe der Hornhaut aufgeklappt. Ein seltsames Muster roter Punkte, aber immerhin sehe ich die scharf. “Jetzt nicht mehr bewegen, das wird jetzt ein wenig stinken”. Dann Ansagen “30 Prozent – 50 Prozent – 80 Prozent – das war’s”. Dann wurde noch irgendwas gemacht “Jetzt das Auge schließen”. Mein Herz rast. “Alles klar? Sie sind etwas bleich. Wir machen eine Pause, bewegen Sie mal die Beine”. Langsam beruhige ich mich. Mein rechtes Auge ist fertig gelasert!

Ein paar Minuten später wiederholt sich alles mit dem linken Auge. Diesmal spüre ich die Berührung mit dem Draht und melde das. Ich bekomme weitere Tropfen, kurz darauf ein zweiter Versuch. Ich spüre nichts mehr, aber das komische Gefühl bleibt, wenn die Sicht auf einmal milchig wird. Wieder rotes Licht, der Operateur liest den Fortschrittsbalken vor. Noch ein paar Tropfen, Augen zu. Fertig. Der Tisch wird gedreht, ich soll mich erstmal hinsetzen, die Augen weiter geschlossen.

Auf beiden Seiten berührt mich jemand am Arm, ich soll aufstehen. Warnung vor einer Stufe, ich blinzele kurz. Ein paar Schritte, eine Kurve und ich werde in einen Liegestuhl gesetzt, soll da erstmal eine halbe Stunde bleiben. Mein Vater kommt dazu will wissen, wie es war, ich noch total überfordert und will einfach nur Ruhe. Das rechte Auge fühlt sich trocken an, als wenn ich Sand im Auge hätte, das linke spüre ich überhaupt nicht. Nach einer halben Stunde kommt der Arzt vorbei, meint das wäre völlig normal, fast niemand würde beide Augen spüren, das sei eigentlich immer nur eins. Ich werde in ein Zimmer geleitet, auf einen Stuhl, soll das Kinn auflegen. Augen auf. Ich bekomme ins Auge geleuchtet, sieht alles gut aus. Augen wieder zu, sollen noch die nächsten zwei Stunden überwiegend geschlossen bleiben. Augentropfen. Antibiotikum zweimal täglich, Cortison fünfmal täglich, heute alle zwei Stunden. Untersuchung morgen um elf. Ich bekomme den Kittel ausgezogen, Jacke an, Sonnenbrille und dann führt mich mein Vater zum Auto. Ich blinzele kurz und bemerke, dass alles was milchig, aber scharf aussieht.

Genesung

Nach zwei Stunden beginne ich, die Augen aufzumachen. Anfangs nur halb und nur für eine Minute oder so.  Im Laufe der Zeit zunehmend länger, zwischendurch versuche ich, immer wieder, etwas zu schlafen. Etwa sechs Stunden nach der Operation ist das Fremdkörpergefühl komplett weg, die Augen fühlen sich etwas gereizt an, aber ansonsten völlig normal. Ich kann sehen! Immer klarer!

Als mich die Eltern fragen, ob ich denn jetzt besser gucken könnte als vorher, fehlen mir die Worte. Ich bin etwas lichtempfindlich, aber ansonsten sehe ich mindestens so gut wie vorher mit den Linsen.

Am nächsten Morgen dann wieder zur Untersuchung in die Klinik. Es ist Samstag, außer uns nur ganz vereinzelte Menschen auf den Fluren. Ich komme an die Sehtestmaschine, dann wird mir ins Auge geleuchtet – es ist alles verheilt. Kein Infektionsrisiko mehr, Antibiotikum noch einen weiteren Tag, dann absetzen, das Cortison im Laufe der kommenden Woche reduzieren. Zusätzlich bekomme ich künstliche Tränen, um das Auge feucht zu halten. Sehtest. Ich lese die Zahlen vor. Kleinere Zahlen. Noch kleinere Zahlen. Der Arzt scheint ehrgeizig, zeigt mir noch eine Tafel “kneifen Sie mal die Augen zusammen” ich rate mehr als ich erkenne “Das war die kleinste Tafel, die wir haben, 160% Sehstärke”. Mein Vater saß einen Meter näher an der Leinwand und meint, er hätte schon lange nichts mehr erkannt. Das Messgerät hat meine Augen mit +0,25 und 0 Dioptrien bestimmt. Die Werte können sich in den nächsten Tagen noch etwas verschieben, wahrscheinlich eher ins Minus, aber bis jetzt sieht das Ergebnis fast unglaublich gut aus.

Warum tut man sowas?

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Seit dem zweiten Schuljahr bin ich Brillenträger. Im Laufe der Jahre nahm meine Kurzsichtigkeit immer weiter zu, bis ich mit etwa 15 Jahren bei knapp -7 Dioptrien angekommen war. Meine Sehschwäche hat mich stark geprägt. Ich war immer Teil der Gruppe der Brillenträger, derer, die schlecht im Sport waren. Konnte nie gut fangen oder zielen, im Schwimmbad ziemlich hilflos. Ich hab nur einmal beim Spielen eine Brille zerdeppert, aber hinterher war ich noch vorsichtiger, zurückhaltender.

In der Oberstufe unternahm ich einen ersten Versuch mit Kontaktlinsen. Der Unterschied im Alltag war bemerkenswert: auf einmal hatte ich ein viel weiteres Sichtfeld, konnte besser räumlich sehen und mich bewegen, ohne ständig Angst um meine Brille zu haben. Leider erwiesen sich meine Augen als ziemlich empfindlich, meistens musste ich die Linsen nach spätestens 12 Stunden wieder raus nehmen, weil die Augen trocken wurden, zu brennen anfingen. Nach zwei, drei Jahren trug ich die Linsen deshalb immer seltener und schließlich gar nicht mehr.

Einige Jahre später startete ich einen neuen Versuch, weil die Einschränkungen durch die Brille blieben. Diesmal vertrug ich die Kontaktlinsen deutlich besser. Etwa zur gleichen Zeit befasste ich mich erstmals mit dem Gedanken, meine Kurzsichtigkeit per Laser korrigieren zu lassen. Die Aussicht, nicht mehr auf eine Sehhilfe angewiesen zu sein, war schon damals verlockend. Grade die Zeit des Wehrdienstes hatte mir sehr eindrücklich deutlich gemacht, wie eingeschränkt ich dadurch war – mit der Brille war ich deutlich weniger fähig, Kontaktlinsen waren wegen der Frage der Pflege und Aufbewahrung nicht praktikabel. Allerdings waren die Schilderungen, wie eine Laser-OP verläuft, schon ziemlich abschreckend. Weil ich mir den Kontaktlinsen eine gute Korrektur hatte, verfolgte ich das Thema damals nicht weiter, lernte mit den praktischen Einschränkungen der Linsen zu leben.

Ohne Sehhilfe fühlte ich mich schon lange hilflos. Meistens trug ich beim Schlafen die Brille, weil ich nicht bei jedem Aufwachen nach ihr tasten müssen wollte. Im Laufe der Zeit war die Brille in immer schlechterem Zustand, weil ich im Alltag immer Linsen trug und nie den Aufwand und die Kosten einer neuen Brille rechtfertigen konnte. Die Brille wurde zum Symbol. Wenn ich tagsüber die Brille trug, war ich entweder erkältet oder es ging mir anderweitig richtig dreckig.

In letzter Zeit ist mein Leben in Bewegung gekommen. Ich habe viele Gewohnheiten in Frage gestellt. Dazu gehörte auch, dass ich öfters mal spontan unterwegs war. Ohne zu wissen, wann ich wieder nach Hause kommen würde. Damit stellte sich mir auch wieder die Frage, ob ich jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, Kontaktlinsenpflege und Brille mit mir herumtragen will. Das war für mich der Anlass, nochmal über eine Augen-OP nachzudenken. Dabei stellte ich fest, dass sich die Methoden in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt haben. Grade durch die Präzision von Femtosekunden-Lasern sind die Abläufe inzwischen stark automatisiert, so dass der Operateur kaum noch mit Geräten am Auge hantiert.

Deshalb habe ich den Mut gefasst, das Thema ernsthaft anzugehen, die Verwandtschaft nach ihrer Meinung gefragt und in deren ziemlich fachkundigen Bekanntenkreis nach Ratschlägen zu fragen. So landete ich bei der Klink Hohenlind. Meine Erfahrungen schildere ich in einem zweiten Teil.