Politik ist keine Wissenschaft

Worte sind Macht: Die Sprache ist untrennbar mit unserem Denken verknüpft. Viele wissenschaftliche Disziplinen definieren ihre eigene Fachsprache, um überhaupt effizient über komplexe Sachverhalte diskutieren zu können. Vielfach werden dabei aus der Alltagssprache bekannte Begriffe neu definiert, mit subtil geänderten Bedeutungen belegt oder anders konnotiert. Gerade in den Gesellschaftswissenschaften verwenden sogar unterschiedliche Schulen der gleichen Disziplin die gleichen Begriffe leicht unterschiedlich.

Fachsprache jeder Art wirkt ausschließend: Für Außenstehende sind Diskussionen mit Fachbegriffen schwer verständlich, aber geradezu verheerend kann es sein, wenn Fachbegriffe nicht als solche erkannt werden. In diesem Fall entstehen schwer aufzulösende Missverständnisse, weil beide Seiten meist überhaupt nicht in Erwägung ziehen, dass die andere einen Begriff anders versteht, als man selbst.

In der Politik stehen wir regelmäßig vor der Aufgabe, mit Menschen zu diskutieren, die anderer Meinung sind, als wir selbst, und sie von unserer Meinung zu überzeugen. Viele dieser Menschen schenken uns nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Im schlimmsten Fall haben wir unter 10 Sekunden für ein Statement in der Tagesschau, aber auch eine Diskussion am Infostand wird selten länger als wenige Minuten dauern. Um diese knappe Aufmerksamkeit ökonomisch zu nutzen ist es verlockend, eine möglichst präzise Sprache zu verwenden. Leider schleichen sich dabei auch oft verkappte Fachbegriffe in unsere Sätze.

Um ein Beispiel zu nennen: Viele politisch links gerichtete Menschen verwenden einen historischen Begriff von Sozialismus als einer Gesellschaftsutopie, in der der Einzelne von wirtschaftlichen Zwängen befreit ist und erst dadurch die Freiheit zur Selbstentfaltung gewinnt. Dieser Begriff hat mit dem real existierenden Sozialismus in Stile der DDR oder dem politischen Kampfbegriff von Franz-Josef Strauß und Helmut Kohl (“Freiheit statt Sozialismus”) wenig gemein. Hand auf’s Herz: Wer würde einem Menschen, der in der Fußgängerzone eine sozialistische Welt fordert, die Chance geben, seinen Standpunkt zu erklären? Während des Weihnachtseinkaufs? Wenn eine uns fremde Person im Gespräch mit uns versucht, gängige Begriffe umzudefinieren, lassen wir uns davon überzeugen, oder diskreditieren wir diese Person als Wortklauber und hören ihr höchstens zur eigenen Belustigung zu?

Als Piraten sind wir angetreten mit dem Mantra: “Endlich normale Leute”. Wenn wir in einer Diskussion auf der Straße eine Sprache verwenden, die nicht der Alltagssprache entspricht, dann laufen wir Gefahr, dass unsere Zuhörer uns sehr schnell als “Politiker wie alle anderen” einstufen.

Durch die Transparenzkultur der Piraten verschwimmt die Grenze zwischen internen und öffentlichen Diskussionen zusehends. Eine Diskussion von einer Mailingliste kann sehr leicht nach außen getragen werden, wo Statements nicht mehr im Kontext einer internen Debatte stehen und leicht missverstanden werden. Fast noch gefährlicher ist, dass viele Piraten in ihrem Denken (bewusst) nicht zwischen Kommunikation innerhalb und außerhalb der Partei differenzieren. Das macht Diskussionen um Begrifflichkeiten, wie wir sie gerne führen, sehr destruktiv: Sobald wir anfangen, einen Begriff intern anders zu verwenden als in der Alltagssprache, haben wir ein Kommunikationsproblem mit den Bürgern auf der Straße, unseren Wählern.

Deshalb ist es wichtig, dass wir eine unmissverständliche Sprache benutzen. Die politische Debatte ist kein wissenschaftlicher Diskurs. Also behandeln wir sie auch nicht als solchen!

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